• Inspiration: Vier Kerzen, von denen drei bereits erloschen sind.
    FUXIDEEN,  Kurzgeschichten,  Triggerwarnung

    Kerzen Schein

    Der Schein der Kerze wirft flackernde Miniaturschatten in den halbleeren Raum, wo es nach alten Wolldecken und undichten Rohrleitungen riecht. Es ist kein beißender Geruch, sondern eher eine schwere Note, die den Kopf nach einer Zeit, die unmöglich näher bestimmt werden könnte, in Watte hüllt. Andis Blick lässt vermuten, dass auch sein Geist sich in einem flauschig-weißen Dazwischen befindet. Mit weiten Pupillen starrt er seit Minuten auf die leere Wand gegenüber. Draußen rieselt ein feucht-kalter Schneeregen auf den Asphalt und irgendwie hat es was von dem, was in ihm los ist. Da ist so viel Kaltnass in ihm, was doch nie liegen bleibt. Was sich in eine nichtgreifbare graue Pfütze…

  • Inspiration: Eine junge Frau in schwarz-weiß vornübergebeugt.
    FUXIDEEN,  Kurzgeschichten,  Triggerwarnung

    Raus

    Der fünfte Drink seit sie angekommen war. Die runde, volle Glut zeichnete kleine Galaxien auf die mit Sommersprossen bedeckte Haut ihrer Nase. Der Sommer war längst vorbei und sie hatte sich schon lange nicht mehr frei gefühlt. Als sie die Augen schloss und den dichten, süßlichen Rauch inhalierte, hatte sie endlich wieder das Gefühl, dass sie ewig leben könnte. Eins mit der Musik, die über die Köpfe hinwegpulsierte. Eins mit der Bewegung, die aus ihr herausquoll und ihren ganzen Körper hin und her wiegte. Und plötzlich ein paar grüne Augen in der Menge, die ihren Blick einfingen. Adrenalin schoss aus der Magengegend durch ihre Adern. Immer wieder wurde der Blickkontakt von tanzenden, sich vorbeischiebenden Menschen unterbrochen. Immer hektischer…

  • Inspiration: Junger Mann mit traurigem Gesichtsausdruck in nachdenklicher Haltung.
    FUXIDEEN,  Kurzgeschichten

    Johann Part I

    Abschätzig wanderten ihre Augenbrauen in die Höhe, als er seine Unterlagen auf den Tisch legte und rückwärts auf die Markierung in der Mitte des Raumes zurückkehrte. Mit spitzen Fingern blätterte Sie durch seine Mappe und atmete dabei hörbar laut durch ihre schmalen Lippen. Nach einem schier endlos scheinenden Moment sah sie über den Rand ihrer Brille, schob die Mappe bis zur Tischkante und faltete ihre schlanken Hände gleich einer Ordensschwester. „Tut mir leid, aber das ist mir dann doch zu viel Uganda und zu wenig Mitteleuropa. Wir wollen hier Mode verkaufen und keinen Spendenaufruf machen.“ Ihr Assistent kicherte nervös und tippte fast schon gewaltsam auf das Smartphone in seiner Hand…

  • Inspiration: Point of View Shot in Grautönen, auf dem ein junger Mensch die Füße hochlegt.
    FUXIDEEN,  Kurzgeschichten

    Grauzone

    An manchen Morgen ist die Welt grau, wenn ich aus dem Fenster blicke. Ich schwinge meine Beine aus dem Bett, setze die Füße auf den Hochflorteppich und weiß, dass alles gut laufen wird. Grauzone bedeutet Komfortzone. Wenn die Welt weder schwarz noch weiß ist, fällt es mir leichter, in ihr zu verschwinden. Grautöne gibt es viele und die Übergänge sind fließend. Die langen Haare und geschwungene Oberlippe sind weiß. Die breiten Schultern und schmalen Hüften schwarz. Kategorien, Kategorien. Die Menschen lieben Kategorien. Da heute ein guter Tag ist, wollen wir uns an diesen Kleinigkeiten nicht weiter aufhalten. Ich springe unter die Dusche, versuche nicht zu viel zu sehen und zu fühlen,…

  • Inspiration: Junge Frau, die den Betrachter des Bildes erschöpft und mit Schmerz in den Augen direkt anblickt.
    FUXIDEEN,  Kurzgeschichten,  Triggerwarnung

    Mittagspause

    Sie hörte, wie die Tür mit einem kurzen, dumpfen Knall ins Schloss fiel. Vor ihrem inneren Auge blätterte die schon vor Jahren verwitterte weiße Fassade jedes Mal ein bisschen mehr ab, wenn er die Tür so zuschlug. Drei Mal am Tag. Morgens, nachdem er mit den schweren Arbeitsschuhen zuerst an ihrem Zimmer vorbeigelaufen war. 16 Schritte bis zum Klo. Dann die Treppe runter. 12 Schritte. Und dann zur Tür hinaus. Das zweite Mal, wenn er nach seinem Mittagspausenbesuch das Haus verließ und ein letztes Mal, wenn er nach Feierabend nach Hause kam. Das waren – neben den Duschtagen einmal die Woche und den spärlichen zwei Mahlzeiten zur Morgen- und Abenddämmerung…