Einige Gedanken zum Thema Selbstwert, Spiegelung und Selbstreflexion.
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Über Selbstwert

 

Ich bin der festen Überzeugung, dass fast alle sozialen Probleme, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen, in einem defizitären Selbstwert begründet liegen. Der Erfindergeist des Menschen wird dann nicht in seinen Reflexionsbestrebungen der eigenen seelischen Verletzungen offenbar, sondern in den mannigfaltigen Kompensationsmechanismen, die er im eigenen Leben und dem ihn umgebenden Sozialgefüge installiert.

 

Drei Selbstwert-Symphonien

Während mir täglich massenwirksame Werbekampagnen mit Themen der Persönlichkeitsentwicklung und Schlagworten wie „selfcare“ begegnen, frage ich mich, wann wir die Phase der „Licht und Liebe“-Floskeln überwunden haben. Sind wir schon darüber hinweg und können endlich über die weniger bequemen Wahrheiten von Selbstwert und seinen Auswirkungen sprechen?

Kein Thema scheint mir umfangreicher und relevanter für jeden einzelnen von uns. Gerade als Künstler oder Kunstliebhaber (hiermit sind auch Autoren und Leser gemeint) scheint eine intensive Auseinandersetzung mit diesem Teil der eigenen Psyche unausweichlich. Warum packt mich dieses eine Gedicht so sehr? Wieso geht es in meinen Geschichten vorder- oder hintergründig immer wieder um ein Thema X, ob ich will oder nicht?

Ich glaube, dass wir alle unsere Verletzungen von diesem Leben davongetragen haben und es eine aktive Entscheidung ist, ob ich den bequemen Weg nehme und meine Muster an anderen Menschen ausagiere oder ob ich mich und mein Tun reflektiere und dabei die eine oder andere schmerzliche Wahrheit über mich selbst erfahre und verarbeite.

Die sichtbaren Verhaltensfolgen eines ungeklärten Selbstwertthemas sind für mich nach all den Jahren der Beobachtung und Analyse dieses Themenkomplexes schmerzlich offensichtlich. Die psychischen Entsprechungen hinter einem solchen Handeln sind innerhalb weniger Gespräche zu reproduzieren und holen die betreffende Person meist punktgenau ab.

Ein erstes Beispiel ist der Missbrauch jeglicher ökonomischer, politischer und sonstig gearteter Macht gegenüber anderen (damit sind auch nichtmenschliche andere gemeint). Wie viel Kontrolle muss ich haben, damit ich mich nicht mehr wertlos und sinnlos fühlen muss? Wie groß muss der Abstand zwischen meinem Innen und dem nächsten Lebewesen im Außen sein, damit ich sicher bin? Wie tief muss der andere sinken, damit ich meinen Kopf über Wasser halten kann?

Dann gibt es jene schwingungsfähigen Menschen, die ihren defizitären Selbstwert im sozialen Austausch über die Vervollkommnung des Musters zu kompensieren suchen. Ich kann mich selbst nicht schätzen, also suche ich mir Menschen, die mich auch nicht schätzen können. Wenn der andere mir spiegelt, dass ich untragbar bin, muss ich meine eigene innere Überzeugung von Untragbarkeit nicht reflektieren. Und schon sind wir wieder beim Thema Macht und Kontrolle. Denn diese Art von Mensch ist davon überzeugt, Angst vor Kontrollverlust zu haben, wenn sein limbisches System doch genau auf diese Droge ausgerichtet ist und Szenarien von Fremdbestimmung wieder und wieder in seinen Erlebenshorizont hineinprojiziert.

Abschließend seien noch jene Menschen erwähnt, die gleichzeitig übersteigerte und defizitäre Selbstwertaspekte kompensieren müssen und so zwischen Täter- und Opferrolle hin- und herwechseln. Nicht selten gesellt sich zu einer solchen inneren Thematik eine fein säuberlich destillierte und in den Tiefen des eigenen Seins gereifte Misanthropie, die es dem Außen unmöglich macht, die inneren Muster zu unterbrechen.

 

Das Gefühl, zu viel und zu wenig zu sein

Ich selbst habe in der Vergangenheit zwei maximal unangenehme Selbstwert-Zustände erlebt, die meine Texte maßgeblich beeinflusst haben. Der eine: Das Gefühl, nicht genug zu sein. Der andere: Das Gefühl, zu viel zu sein. Augenscheinlich kann nicht beides nebeneinander existieren, doch die menschliche Psyche hält sich nicht an solch eindimensionale Logikversuche. Zumindest nicht meine.

Die wiederholte Erfahrung, nicht genug vom dem zu sein, was das Gegenüber sucht und zu viel von dem, wovor das Gegenüber flüchtet, setzt so tiefschürfende und destruktive Prozesse in Gang, dass es schwer ist, sie in Worte zu fassen. Ich bin unbequem und doch konnte ich die Hoffnung auf Begegnung und Anbindung nie ganz aufgeben. Und das ist gut so.

Ich glaube, dass Bindung und Selbstwert zu den komplexesten und langwierigsten Entwicklungsthemen eines Menschen gehören und ich sehe auch mich selbst noch mitten im Prozess. Auch wenn ich meine Erfahrungen aufgearbeitet habe, so bleibt da doch immer diese weiche Stelle in meinem Herzen für Menschen, die ähnliches gefühlt und gelebt haben. Menschen, die mir meinen eigenen Schmerz widerspiegeln und einen anderen Umgang damit wählen. Auch das ist ein Muster. Denn diese Art von Mensch ist emotional und faktisch nicht selten unerreichbar und so erhält sich eine eigens auferlegte Einsamkeit von selbst.

 

Abschließend

Wofür ich plädiere, ist ein bewusster Umgang mit den eigenen Themen und den Themen anderer Menschen. Welche Überzeugungen habe ich über mich und die Welt, in der ich lebe? Und wie bin ich zu diesen Überzeugungen gekommen? Ich denke, dass gerade das Persönliche und Erlebte dazu anregen, die eigene Dissonanz zu hinterfragen und einen neuen Erfahrungshorizont zu suchen. Viel mehr als es jeder Fachtext zu erreichen vermag.

Denn erst in unserer Fähigkeit, auch die hässlichsten seelischen Tiefpunkte zu einer sinnstiftenden Erkenntnis oder einem authentischen  Zeugnis inneren Erlebens (sei es in Form von Literatur, Musik oder etwas völlig anderem) zu transformieren, offenbart sich das Genie des Menschen.

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